Heimat unter Bomben - Kriegsende in Freienohl


Beschießung Freienohls am 10. und 11.04.1945

n den März- und Apriltagen des Jahres 1945 wurde das Sauerland erstmals nach dem Dreißigjährigen Krieg bzw. den Raubzügen Ludwig XIV wieder Kampfgebiet.

Am Weißen Sonntag, den 08. April 1945, fand in der Freienohler Kirche die Erstkommunion der Kinder des Jahrgangs 1936 statt. Diese musste zwar auf morgens 7.00 Uhr verlegt werden, lief an diesem Tag aber noch ungestört ab. Jedoch hörte man das Artilleriefeuer auf Meschede, wohin auch Soldaten aus Freienohl zogen.

Aus der Sicht von Friedel Bräutigam, der an diesem Tag selbst die hl. Erstkommunion empfing, „ist es möglich, dass der Frontflieger der Amerikaner vom Plackweg aus die Erstkommunionkinder gesehen hat. Dieses ist aber sehr, sehr zweifelhaft."


Am 09. April wurde gegen 22.30 Uhr die
Langel-Holzbrücke gesprengt.

Zu dieser Zeit befand sich in Freienohl noch ein Kommando deutscher Soldaten, durch das am 09. April das Postamt gesprengt werden sollte. Der verantwortliche deutsche Offizier beschränkte sein Vorhaben auf Zureden des Hausbesitzers A. Noeke auf die Sprengung des Raumes, in dem sich die Fernsprechapparate befanden. Hier hatte der Sohn des Hausbesitzers zuvor heimlich einige Sprengpatronen entfernt, sodass im Postgebäude durch die Explosion außer im Geräteraum nur geringer Sachschaden entstand.

Gegen 22.30 Uhr des gleichen Abends wurde die Langel-Holzbrücke gesprengt. Ein deutscher Soldat, der nachts aus der Giesmecke kam, stürzte deshalb in die Ruhr und ertrank.

In der Nacht zum Dienstag, dem 10. April, schoss die Artillerie der Amerikaner vom Plackweg auf Freienohl ein. Der erste Schuss wurde auf das Haus Hoffmann (frühere Gaststätte  "Zur Alm") in der oberen Bergstraße angesetzt. „Die Abschüsse und viel später die Einschüsse und Explosionen aus Freienohl" waren deutlich zu hören. „Es tobte die ganze Nacht hindurch fürchterlich."

Zwar wurde die Kirche nicht beschossen, aber viele andere Stellen des Ortes. Bei fast allen Häusern waren die Fenster kaputt. Die Einwohner suchten Schutz in den Kellern ihrer Häuser.

Bewohner höher gelegener Straßen mussten in den Kellern anderer Familien Schutz suchen, da in ihren Häusern deutsche Soldaten Gewehre aufgebaut hatten. Bei der Beschießung des Ortes kam der Bürger Josef Düring ums Leben. Dieser hatte auf einen vermeintlichen Hilferuf hin die Kellertür geöffnet, als ihn ein Granatsplitter tödlich traf.

Das Raulfsche Haus (heute Fam. Hardekopf) im Alten Weg wurde durch einen Volltreffer zerstört. Einige Gebäude, wie zum Beispiel die Polizeistation am Hügel und der Gasthof „Zur Post", wurden stark beschädigt. „Der 10. April (Dienstag) war gekennzeichnet durch die Sprengung der Brücke zwischen Freienohl und Olpe, der Eisenbahnbrücke und der Brücke am Plastenberg."  Es gab ein neues Gerücht, das besagte, dass gegen Mittag ein Bomberverband Freienohl in Schutt und Asche lege, falls nicht kapituliert werde. Daraufhin baten einige Mädchen und Frauen um die Übergabe des Ortes. Dieses war jedoch vergeblich, denn „Freienohl sollte bis zum letzten verteidigt werden - von 23 Mann!" 


Das Raulfsche Haus im Alten Weg
(Siebdruck von Manfred Mansfeld)

Einige Freienohler Einwohner forderten den Ortsgruppenleiter K. am 10. April 1945 auf, in die Giesmecke zu den Amerikanern zu gehen. Er sollte ihnen die Übergabe des Ortes anbieten. Der Kommandierende der Panzerspitzen wollte aber eine Bestätigung von Bürgern erhalten, dass der Ortsgruppenleiter eine vertrauenswürdige Person sei. So zogen etwa zwanzig Bürger „mit weißen Fahnen in die Giesmecke" um ihm dieses zu bestätigen.

Die Zeugen durften jedoch nicht sofort wieder zurückkehren, sondern mussten die nächste Nacht dort in einer Scheune im Heu verbringen. Währenddessen wurde Josef Schwefer in den Ort zurückgeschickt, um sicher zu gehen, dass sich tatsächlich keine deutschen Soldaten mehr im Ort befinden. Es waren unter anderem noch ein Leutnant, ein Feldwebel und zwei Landser anwesend, die offenbar glaubten, den Krieg noch gewinnen zu können. Drei Einwohner versuchten noch, diese vier Soldaten zum Abzug aus Freienohl zu überreden. Als die beiden Landser den Parlamentär auf Befehl einfangen wollten - sie wollten ihn an die Wand stellen -, war dieser jedoch aufgrund seiner guten Ortskenntnisse schon längst über die Ruhrbrücke entflohen. Nun war aber schon von Haus zu Haus die Parole „Hängt weiße Fahnen heraus"  durchgekommen und so mussten sich die vier Soldaten schließlich ergeben. Daraufhin haben die Einwohner weiße Bettlaken an Stangen befestigt und diese als Friedenszeichen aus den Fenstern gehangen.

Am Vormittag des 11. Aprils versuchten einige Einwohner, den Offizier der noch zurück gebliebenen Waffen - SS (es waren nur noch wenige Soldaten) zum Abzug zu bewegen. Pastor Gerwinn und eine Hebamme, die auf drei bevorstehende Geburten hinwies, warnten den Offizier mit der Begründung, dass der Widerstand nutzlos sei und dass alle dadurch nur in ein großes Unglück gerieten. Trotzdem blieben sie erfolglos. Aber dann rückte das Kommando nach der Sprengung der Brücke in der Rümmecke - wahrscheinlich aufgrund eines neu eingetroffenen Befehls - doch ab.


Pfarrer Ferdinand Gerwinn

Nach dem Abzug der deutschen Soldaten aus dem Ort, wurde am Kirchturm eine weiße Fahne gehisst. Pfarrer Gerwinn, der Freienohler August Gebhardt, sowie der aus Köln evakuierte Pfarrer Viethen, der als Dolmetscher diente, und zudem ein weiterer Evakuierter zogen in die Giesmecke, aus der der Ort um 12 Uhr erneut beschossen werden sollte. Sie erklärten den Amerikanern, dass der Ort nicht mehr verteidigt werde und zur Übergabe bereit sei. Die Kapitulation wurde nun angenommen. Der amerikanische Offizier entdeckte durch das Fernrohr nur noch ein oder zwei Soldaten auf dem Rotbusch, woraufhin er noch einen Schreckschuss in diese Richtung abfeuern ließ.

Die ersten amerikanischen Soldaten rückten an diesem Morgen gegen 11 Uhr in den Ort ein. Häuser und Wohnungen wurden nach Waffen, versteckten Soldaten und gelegentlich auch nach „mitnehmenswerten" Gegenständen durchsucht. Die zurückgebliebenen deutschen Soldaten wurden zusammen getrieben und mussten noch am selben Tag ihren Weg in die Gefangenschaft antreten.


Panzer auf dem Breiten Weg in Freienohl vor Follen Haus

Nachmittags kamen die ersten Panzer an. Ebenfalls in den Nachmittagsstunden wurde der Schuhmachermeister Josef Kißler in seinem Haus am Friedhofsweg von einem amerikanischen Soldaten angeschossen. Seit dem ist er verschwunden geblieben. Ob er nun wirklich, wie es angeblich hieß, in ein Lazarett überführt wurde, oder ob er tödlich verletzt wurde und seine Leiche von den amerikanischen Soldaten mitgenommen wurde, ist bis heute unklar.

Doch eines ist klar: Am Mittwoch, den 11. April wurde also Freienohl von den Amerikanern in Besitz genommen und die Front rückte weiter vor.

Der Krieg im Sauerland

Am 23. März 1945 begann der Angriff der Amerikaner über den Rhein. Die erste amerikanische Armee umging das Ruhrgebiet aus dem Raum Remagen, wo Hitler wegen der missglückten Brückensperrung gegen die Offiziere wütete; auch ein Arnsberger war unter den Opfern des fliegenden Standgerichtes.

Die neunte Armee rückte nördlich vor. Die Spitzen beider Armeen stießen im Raum Lippstadt zusammen — das war am 1. April — und bildeten einen großen Kessel, in dem mit dem Ruhrgebiet auch das Sauerland eingeschlossen war. Ostern (1. April) und Weißer Sonntag (8. April) wurden in vielen sauerländischen Dörfern Tage herber Erinnerungen.
Der eigentliche Kampf um das Sauerland fing am 28. März 1945 an. Die Amerikaner griffen den sauerländischen Raum über die Höhen des Rothaargebirges in südlicher und östlicher Richtung an.

Der Hitler-General Model versuchte noch einmal unter Anwendung aller militärischen Machtmittel die amerikanischen Truppen aufzuhalten. Der erste sauerländische Ort, der von Amerikanern besetzt wurde, war Medebach im Kreis Brilon am 29. März. Am selben Tag wurden auch Hallenberg und einige Nachbarorte besetzt, wurde Giershagen erreicht. Panzerspitzen schossen nach Marsberg.

Am Karsamstag (31. März) zogen die Amerikaner durchs Hoppecketal. Brilon, das durch Luftbomben schwer getroffen war, wurde am 29. März besetzt, Büren und Alme am 31. März.

Mit dem 1. April (Ostern) begann der letzte Kampf um die sauerländischen Berge, Städte und Dörfer. Überall dort, wo noch deutsche Batterien und Panzer feuerten, kam es zu heftigen Kämpfen, wobei manches Dorf und mancher Straßenzug im Feuer der Granaten zerstört wurde. Der deutsche Wehrmachtsbericht meldete am 31. März 1945:

„Südlich Siegen und an den Ostausläufern des Rothaargebirges stehen unsere Truppen in erbitterten Nahkämpfen mit den nach Norden angreifenden Verbänden. Schnelle Kräfte des Feindes drangen aus dem Raum Brilon/Korbach in das Gebiet südlich Paderborn vor..."

In jenen Tagen waren nach deutschen und amerikanischen Aufzeichnungen folgende deutsche Truppenteile im Sauerland  im Einsatz, Angaben, die nicht unbedingt als vollständig anzusehen sind: Teile der Division Großdeutschland und der Hitler-Jugend-Division (Quartier in Calle)

  • Lehroffizier-Reserve der Heeresgruppe B Panzer-Lehr-Division mit Tigerpanzern Dritte Panzer-Grenadier-Division Panzerjäger-Division
  • eine SS-Formation (ohne nähere Angabe) ein Flak-Bataillon die 15. Division Landau das Heeres-Flak-Regiment 311 und ein Mot-Flak-Sturm-Regiment 22,
  • ferner Volkssturm aus Arnsberg, Köln, Düsseldorf, Krefeld und Gevelsberg.

 

 

Literaturnachweis:
Das Ende des zweiten Weltkrieges und die Besatzungszeit am Beispiel von Freienohl, Facharbeit von Carina Göckeler, Freienohl, 16.03.2004 - (Chronik Freiheit Freienohl, Erfahrungsbericht Friedel Bräutigam, Tagebuch Becker, Interview Heckmann)
Heimat unter Bomben - Der Kreis Arnsberg im zweiten Weltkrieg von Fritz Schumacher, 1969

Bildnachweis:
Skizze: Heimat unter Bomben - Der Kreis Arnsberg im zweiten Weltkrieg
Foto: Raulfsches Haus von Fam. Hardekopf, Freienohl
Alle weiteren Fotos aus der Sammlung von Karl-Heinz Kordel, Freienohl